Neue Trojaner

Bezirk

Die guten „Trojaner“ gab es in Oberschöneweide. „Trojaner“ hießen die Menschen, die in der DDR-Zeit in dem Transformatorenwerk TRO arbeiteten. Das Oberschöneweide, das sich Ende ab des 19. Jahrhunderts zu einem stolzen Standort der Elektroindustrie entwickelt hatte. Hier gründeten die Rathenaus die AEG. Ein ganzes Jahrhundert sollte diese Erfolgsgeschichte anhalten.

Als zu DDR-Zeiten die Trojaner den Elektro-Rasenmäher „Trolli“ bauten – weil auch etwas für den Konsum der normalen Bevölkerung produziert werden sollte – wurde die Arbeitsstätte so etwas wie Kult. In den 1990er Jahren war damit Schluss. In Oberschöneweide fielen in diesen Jahren mehr als 30 000 Arbeitsplätze weg. Dahinter standen Menschen, Familien. Die Luft besserte sich, die Aussicht nicht. In Adlershof wurde die Akademie der Wissenschaften der DDR abgewickelt. Anerkannte Wissenschaftler, unpolitisch. Sie wurden – wohl – nicht mehr gebraucht. Was macht das mit einem Menschen, der nun das Gefühl hat, die Vergangenheit war umsonst, alles war sinnlos? Sich darin hineinzuversetzen lässt vielleicht ein wenig erahnen, weshalb wir Menschen in Ostdeutschland ein Stück sensibel auf Fragen von Gerechtigkeit reagieren. Viele erinnern sich heute noch an die Anfangszeit in den neunziger Jahren in Köpenick und Treptow – die hohe Arbeitslosigkeit, aus der Frust und Verzweiflung wuchs. Doch viele ließen sich nicht davon unterbuttern. Sie haben sich vorgekämpft, indem sie noch einmal jahrelang auf die Schulbank zurückkehrten und neue Berufe erlernten oder indem sie in das volle Risiko gingen und sich selbstständig machten. Aus diesem Gefühl nicht mehr gebraucht, ja sogar abgewertet zu werden, wuchs Trotz und Mut. Und der Trotz blieb noch mehrere Jahrzehnte – schon allein deshalb, weil zu lange im Osten für die gleiche Arbeit weniger Lohn und Gehalt gezahlt wurde.

Mutige Entscheidungen trafen aber nicht allein Ostdeutsche. Dass der Bezirk Treptow-Köpenick mit Oberschöneweide und Adlershof heute international als Vorzeigeregion gilt, haben wir den Menschen zu verdanken, die dort mit eigenen Firmen für einen Aufschwung sorgten, aber auch Politik und Verwaltung, die Entscheidungen trafen: der Gründung von Technologie- und Gründerzentren, eines Innovationsparks sowie der Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien (Wista Adlershof). Auf dem Wista-Gelände gibt es heute mehr als 1100 Firmen mit über 18000 Beschäftigten, die Humboldt-Universität, außeruniversitäre Forschungsinstitute und eine Reihe weiterer Institutionen. Diese Stadt ist neu entstanden, hoch modern und bestens gelegen. Die Unternehmen schätzen die Nähe zu Autobahn und Flughafen, denn auch diese politischen Entscheidungen belebten den Standort richtig: ohne diese Infrastruktur wären zahlreiche Unternehmen nicht nach Berlin und dort nach Adlershof gekommen. Und Oberschöneweide? Die 30 000 Industriearbeitsplätze sind nicht wieder zurückgekehrt. Es haben sich hier aber mehrere tausend Arbeitsplätze in neuen Firmen etabliert – und eine Hochschule. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft hat dem Ort ein neues Gesicht gegeben. Tausende motivierte Studenten sind die Unternehmensgründer von morgen, neue „Trojaner“ vielleicht. Und sie werden ein besonderes Gefühl für Gerechtigkeit behalten.

 

Diesen Text habe ich für die Ausgabe 08/2018 der "Berliner Stimme" geschrieben:

https://www.spd.berlin/w/files/berliner_stimme/bs_08_2018_mobil.pdf

 

 
 
 

 

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